Wenn alle Mühe an sich selbst nicht ankommt
Über die Erschöpfung durch Selbstoptimierung
Mit vierzig begann ich, in meiner Freizeit Leistungssport zu treiben. Von da an war das Optimieren mein ständiger Begleiter.
Irgendwann ließ ich beim Hausarzt eine Laboranalyse machen – die Nährstoffversorgung sollte überprüft und verbessert werden. Nicht, weil sich ein Mangel gezeigt hätte, sondern weil ich mehr wollte. Immer mehr.
Es war die Zeit, in der ich meine körperlichen Grenzen suchte und verschob. Ein Ironman war für mich nur der Aufbau – zwei Wochen später ging ich bei einem Dreifach-Ironman an den Start. Einundvierzig Stunden ohne Schlaf, am Ende Platz fünf. Und selbst das reichte mir nicht. Ich wollte weiter optimieren, um noch mehr leisten zu können.
Es brauchte meinen Hausarzt, der mir sagte, dass da nichts mehr zu optimieren sei. Dass ich mit dieser Leistungsfähigkeit durchaus zufrieden sein dürfe.
Ein anderer musste das aussprechen. Von allein kam ich nicht darauf.
Dabei war der Sport nicht der erste Bereich, in dem ich so verfuhr. Mit Anfang zwanzig begann mein tieferes Interesse an mir selbst und am Leben. Und ich unternahm viel: Bücher, Seminare, Methoden, Lehrer, Übungen.
In jede neue Richtung legte ich eine Hoffnung – dass es nun endlich die richtige sei. Eine, die trägt. Eine, die mich weiterbringt. Und jedes Mal spürte ich nach einiger Zeit dasselbe: Nein, das ist es nicht. Das trägt nicht.
Was das nach dem dritten, fünften, zehnten Mal mit einem macht? Es bleibt nicht bei der Enttäuschung. Es kamen Selbstzweifel, und darunter etwas Härteres: Ich habe es nicht verdient. Ich mache irgendetwas falsch. Bei den anderen scheint es doch zu klappen.
Das ist die eigentliche Erschöpfung. Nicht die nach getaner Arbeit – die ist gesund. Sondern die nach vergeblicher Mühe, in der sich das Scheitern gegen einen selbst kehrt. Und auch sie zeigt sich mit der Zeit im Körper: in der Unruhe, im schlechten Schlaf, in einer Schwere, die bleibt.
Und dann die Frage: Und jetzt? Wieder etwas Neues versuchen? Was soll die nächste Richtung schaffen, was die bisherigen nicht schafften?
Heute sehe ich, was dahinterlag.
Der Verstand liefert immer neue Methoden, weil bloßes Beobachten ihn arbeitslos macht. Er ist ein Werkzeug für Probleme in der Zeit – dafür ist er gemacht, und darin ist er stark. Eine Methode verspricht ihm genau das, was er kann: einen Weg, Schritte, ein Später, in dem es besser wird. Das schlichte Wahrnehmen dessen, was jetzt ist, verspricht ihm nichts davon. Es geschieht jetzt, ohne Fortschritt, ohne Ziel. Für den Verstand ist das keine Lösung. Also reicht er die nächste Methode nach.
Diesen Angeboten bin ich lange gefolgt. Aus Unwissenheit, aber auch, weil ich die Zeichen übersah, die mir eine andere Richtung wiesen. Ich war zu überzeugt davon, zu wissen, was richtig ist und was falsch.
Es gab keinen Moment, an dem ich damit aufhörte. Keinen Zusammenbruch, keine Entscheidung. Das Ankommen bei mir selbst schimmerte nur immer stärker durch, bis das Beobachten fast selbstverständlich wurde. Wie ein Pendel, dessen Ausschläge kleiner werden. Es dauerte, und es war unspektakulär.
Ich sage das ausdrücklich, weil ich lange auf den großen Moment gewartet habe. Es gab ihn nicht.
Darin liegt ein Widerspruch, den ich offen nenne: Es gibt nichts zu tun – und doch ist etwas zu tun. Das ist keine Einladung zur Untätigkeit, im Gegenteil. Es ist das Gegenteil von blindem Aktionismus: erst wahrnehmen, was jetzt wirklich ist, und dann tun, was daraus stimmig folgt. Nicht einfach das Nächste, weil das Vorige nicht trug.
Und darunter liegt die Frage, um die sich alles dreht: Woher kommt dieses Getriebensein? Ist es Unzufriedenheit – oder eine Sehnsucht, in deren Tiefe ich mich nie hineingewagt habe? Der Verstand kann darauf keine Antwort geben. Er kann es nicht.
Kennst Du Bereiche, in denen das Optimieren auch Dich ständig begleitet? Wo Du Dir sagst: Erst wenn der nächste Schritt getan ist, darf ich zufrieden sein?
Es gibt einen anderen Weg. Er verlangt nichts Zusätzliches. Er beginnt mit dem Wahrnehmen dessen, was ohnehin schon da ist.
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