Wenn außen alles stimmt und innen die Leere bleibt
Über die stille Erschöpfung hinter der Fassade
Kennst Du das? Du triffst jemanden, und die erste Frage ist: „Wie geht’s Dir?“ Und fast immer kommt dieselbe Antwort: „Gut, danke.“
Ich frage mich manchmal, ob das stimmen kann. Mir ist noch kein Mensch begegnet, bei dem in allen Bereichen des Lebens alles rundläuft – ohne eine wunde Stelle, ohne Misserfolg, ohne etwas, das schmerzt. Und trotzdem fällt fast reflexhaft dieser eine Satz.
Woran liegt das? Wir leben in einer Welt, in der es beinahe Pflicht ist, dass es einem gutgeht. Wer es anders sagt, müsste ja benennen, wo es gerade nicht rundläuft – und dorthin schaut kaum jemand gern. Etwas einzugestehen, das gescheitert ist, fühlt sich an wie ein Gesichtsverlust. Und darunter regt sich etwas noch Leiseres: Zweifel an sich selbst, ein Gefühl, nicht zu genügen. Um das nicht zu spüren, halten wir die Fassade aufrecht.
Was da wirkt, ist Scham. Ich trage ein Bild davon in mir, wie mein Leben aussehen sollte. Kommt es anders, beginne ich zu vergleichen – mit den anderen, denen es scheinbar leichter fällt. Die haben es besser, denke ich. Die sagen ja auch, dass es ihnen gutgeht.
Ich schreibe das nicht als Beobachter von außen. Ich kenne es.
Mit dreißig hing meine Zufriedenheit fast vollständig am beruflichen Erfolg. Nur darüber, so glaubte ich, würde ich überhaupt gesehen, nur so bekäme ich Anerkennung. Und weil es nicht so lief, wie ich es mir ausgemalt hatte, wuchs die Anspannung und mit ihr die Verzweiflung. Ich verstummte innerlich. Es kam mir nicht einmal in den Sinn, mein Innerstes zu zeigen – nicht einmal meiner damaligen Frau. Wozu auch? Auch sie kam mit ihren Erwartungen. Also schwieg ich weiter.
An einen Abend erinnere ich mich bis heute genau. Meine eigene Geburtstagsfeier. In mir Enge und Anspannung, keine Spur von Leichtigkeit. Und ein paar Häuser weiter feierte jemand anderes – von dort her Lachen, Ausgelassenheit, all das, was bei mir fehlte.
Was sich in diesem Moment in mir zeigte, war nicht Trauer. Kein Fühlen. Sondern ein Rechnen: Was mache ich falsch? Wie komme ich da wieder heraus? Sogar mitten im eigenen Schmerz suchte ich sofort nach der Lösung. Der Kopf arbeitete. So ging ich mit allem um – die Suche fand ausschließlich im Verstand statt. Und je mehr ich suchte, desto enger wurde es.
Eine Weile lässt sich so leben. Doch irgendwann zeigen sich die Folgen. Die Nähe zu anderen nimmt ab, weil man sich zurückhält, um keine Schwäche zu offenbaren. Das Gedankenkarussell dreht ohne Ausgang. Und der Körper beginnt mitzureden: Der Schlaf wird unruhig, die Stimmung sinkt, man wird dünnhäutig und reizbar. Das sind keine Zufälle. Es ist eine stille Erschöpfung – leise, weil niemand sie sieht. Und sie zehrt, denn das Aufrechterhalten der Fassade kostet Tag für Tag ein wenig mehr Kraft.
Vielleicht kennst Du etwas davon. Dann lade ich Dich ein, kurz innezuhalten – nicht, um eine Antwort zu suchen, sondern um hinzuschauen:
Wo schweigst Du?
Wann sagst Du, dass alles gut sei – und welchen Bereich verschweigst Du, in dem es das ganz und gar nicht ist?
Welche Angst meldet sich bei dem Gedanken, dass die Menschen um Dich herum alles über Dich wüssten – nicht nur die schöne Seite, sondern auch das, was Du verbirgst?
Es gibt einen anderen Weg, damit umzugehen, als ihn im Kopf lösen zu wollen. Er beginnt damit, ehrlich anzuschauen, was sich längst zeigt, dem aber bisher ausgewichen wurde.
Wenn Du darüber sprechen möchtest, ruf einfach an.
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